Die wichtigsten Japanischen Theaterformen

Das japanische Schriftzeichen für „Nô“ bedeutet sowohl Können als auch Begabung. Neben schauspielerischen Fähigkeiten muss ein Nô-Schauspieler auch bereit sein, ein jahrelanges, mühsames Training auf sich zu nehmen, bis er mit allen Geheimnissen und Techniken der Nô-Darstellung vertraut ist. Bis heute bestehen in Japan fünf bedeutende Nô-Schulen, die diese Kunst des Nô, die von Generation zu Generation weitergegeben worden ist, lehren. Die Kanze-Schule zählt zu den ältesten und bedeutendsten Institutionen und ist aus dem Wirken des legendären Kanami Kiyotsugu (1333 – 1384) und dessen Sohnes Zeami Motokiyo (1363 – 1443) hervorgegangen. Einzigartig auch, dass Nô bis heute ausschließlich von Männern gespielt wird.

Im Theaterleben Japans ist das Nô-Spiel ständig präsent. Es ist bis heute eine lebendige, florierende Bühnenkunst, deren Belebtheit im In- und Ausland stetig zunimmt. Unverwechselbar und einzigartig besticht die Nô-Aufführung durch ihre Geschlossenheit: eine Gesamtkunstwerk, das die Inspiration und Spielerfahrung von mindestens sechs Jahrhunderten in sich trägt.

Als Nô wird das klassische japanische Tanz-Drama bezeichnet, das noch starke Züge alter kultischer Handlungen in sich birgt. Faszinierend bis heute ist der minuziöse Einsatz eines spezifisch gestischen Spiel, das vom Rhythmus und Wechsel verhaltener und eruptiver Bewegungsabläufe geprägt ist.

Die Wurzeln des Nô liegen in volksnahen akrobatisch-komischen Aufführungen, „sarugaku“, in Fruchtbarkeitsritualen und -tänzen, „dengaku“, und dialogartig aufgebauten Tanzzeremonien, „ennen“. Kanami und noch mehr sein Sohn Zeami hatten das eher burleske Spiel im 14. Jahrhundert zu reformieren und theoretisch zu fundieren begonnen. Allein von Zeami sind mehr als zwanzig grundlegende Schriften zum Nô-Theater erhalten geblieben. Anmut, Abstraktion, geistige Durchdringung und buddhistische Philosophie ergeben in Verbindung mit sparsamsten ritualisierten Bewegungen, einer musikalisch rezitierten Sprache und den zeitlosen, kunstvoll geschnitzten Masken eine Art „kultisches“ Spiel mit fast magischer Ausstrahlungskraft.

Die prachtvollen, farbenfreudigen Seidenkostüme der Träger wirken als optisches Gegengewicht zur kargen, spartanischen Bühne, die an die Architektur eines Shinto-Schreins erinnert.

Die Kunst des Nô konnte sich jedoch nur deshalb in diesem Maße durchsetzen, weil sie immer unter der Patronanz der Herrschenden stand. Kanami und Zeami genossen die Förderung des Shôgun Ashikaga Yoshimitsu (1358 – 1408). Nô-Spiele gehörten von da an zum festlichen Repertoire des Adels. Dem einfachen Volk waren Zugang oder Teilnahme an solchen Aufführungen meisten verwehrt.

In der Edo-Zeit (1603 – 1868) wird die Bühnenkunst des Nô durch die Shôgune in solchem Maße vereinnahmt, dass der Kontakt des Nô mit dem breiten Publikum verloren geht. Es wird zu einem zeremoniellen Kammerspiel des Militäradels.

Die enge Verknüpfung des Nô-Spiels mit der adeligen Gesellschaft brachte mit sich, dass manchen Nô-Schauspieler bis zur Meiji-Restauration 1868 das Adelsprädikat verliehen wurde. Als der Schwertadel 1868 seine Privilegien verlor, wurde dem Nô seine wirtschaftliche Existenzgrundlage entzogen. Die Meister und Leiter der fünf großen Schulen, die sich im Laufe der Jahrhunderte gebildet hatten, zogen sich von der Bühne zurück. Das Überleben des Nô-Theaters ist der Beharrlichkeit und dem Durchhaltevermögen einzelner Persönlichkeiten, vor allem dem unermüdlichen Wirken von Umewaka Minoru (1828 – 1909), Meister der dominierenden Kanze-Schule, zu verdanken.

Nur allmählich formierten sich die alten Nô-Schulen wieder, dieses Mal unter kaiserlicher Protektion, gewissermaßen als Aushängeschild einer nationalen Kultur, als japanisches Pendant zur westlichen Oper. Nach und nach erreicht das Nô wieder weitere Kreise der Bevölkerung, nach dem die erste Nô-Bühne 1881 für öffentliche Vorstellungen eingeweiht worden war.

Obwohl die elitäre Theaterform kaum Zugeständnisse an den Geschmack des Publikums machte, erlebte sie nach dem zweiten Weltkrieg eine unerwartete Renaissance.

Heute gibt es an die 1.500 professionelle Nô-Darsteller, die in fünf Schulen unterrichten: Kanze-, Komparu-, Hôshô-, Kongô- und Kita-Schule.

Neuinszenierungen, Überarbeitungen alter, in Vergessenheit geratener Texte und experimentelle Neuschöpfungen und Mischformen mit anderen Spielarten haben eine Erneuerung und Belebung der alten Nô-Bühnenkunst hervorgebracht.


Buchtipp:

Den prächtigen Kostümen und den Masken des Nô-Theaters ist diese Publikation gewidmet. Beiträge von japanischen, amerikanischen und europäischen Spezialisten geben einen Einblick in das Wesen einer der ältesten, bis heute fast unverändert gebliebenen Theaterformen der Welt.

Erschienen in der Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft mbH, Wien.

Mit Beiträgen unter anderem von Akira Yamaguchi und Günter Zobel.


Buchtipp: NÔ-Theater Kostüme und Masken, erschienen im Brandstätter Verlag, Wien


In unserer Veranstaltungsübersicht finden Sie ausführlich sämtliche Termine aufgeführt.

NÔ-Costume Kostbar wie ein NÔ-Kostüm lautet in Japan die Bezeichnung für ein besonders prächtiges Kleidungsstück, war es doch Tradition, dass Shogune und Adelige den Schauspielern zur Verwendung auf der Bühne ihre eigenen kostbaren Gewänder aus Goldbrokat und Seide schenkten. Auch heute noch beeindrucken die Kostüme des NÔ-Theaters durch die Erlesenheit der Stoffe, die Brillanz der Farben und die symbolträchtigen Muster.
 

 

NÔ-Musik

 

NÔ-Masken Für japanische NÔ-Masken wird vor allem Zypressenholz verwendet. Im Alter von 400 bis 500 Jahren, ist wegen seiner sehr feinen Faserung, seiner großen Haltbarkeit und hellen Farbe am besten geignet. Die Bemalung beginnt mit einer Grundierung aus fein gemahlenen Muschelkalk bevor je nach Maskentyp Farben aus natürlichen Materialien aufgetragen werden. Der gesamte Prozess nimmt ungefähr ein bis zwei Monate in Anspruch. Schopf-, Bart- und Augenbrauenhaare werden mit Pferdehaaren wiedergegeben.

 

NÔ-Bühne Blank polierte Bretter aus duftendem Zypressenholz unter einem geschwungenen Dach, das von vier Pfeilern getragen wird, bilden die ca. sechs mal sechs Meter große Hauptbühne. Die Bühne ist ein Instrument und gleichzeitig Koordinationssystem. So stellt der Holzboden mit den darunter in Abständen platzierten Tonkrügen einen exzellenten Resonanzkörper für die Tanz- und Stampfschritte und für die musikalische Begleitung dar.
 

 

NÔ-Stücke Im Gegensatz zum volkstümlichen Kabuki führt uns das NÔ-Theater in die Welt des japanischen Hofes: Jeder Handgriff, jede Bewegung ist ritualisiert, die Kostüme sind von einzigartiger Schönheit, das Spiel - dargeboten in faszinierender Langsamkeit - ist eine Kunst, die über Generationen hinweg vom Vater zum Sohn weitergegeben wird. Im Mittelpunkt der meist alten Legenden steht die Begegnung des Menschen mit der Welt des Unsichtbaren, die Prüfung des Menschen durch Ungeheuer, Götter und Dämonen.

 
 


 
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